Abraham-Lincoln-Straße in Wiesbaden

Es gibt Straßen, da sagt man doch gleich erstmal und manchmal voreilig, da gehe ich gar nicht erst hin, es sei denn ich muss und dann auch nur ungerne. Und falls man sich dann mal aufgerafft hat und obendrein auch das gelbe Ding da oben am Himmel mächtig funkelt und man steht dann in dieser Straße, dann denkt man sich, hätte ich das doch schon vorher gewusst, da hätt ich doch mein Zelt da aufgeschlagen oder h.tte mir eine Etage der ansässigen Häuser gemietet, gar gekauft. Aber man hat ja Vorurteile.

Dieser Problematik wollen wir entgegentreten und so schickten wir unseren Reporter Piotr Potega nach Ägypten. Auf seiner Rückreise hielt er sich dann einige Minütchen in der sogenannten Abraham-Lincoln-Straße auf, machte ein paar Bilder und ich soll mir jetzt einen Text aus den Fingern saugen.
Also die Abraham Lincoln Straße. So, so. Interessant. Da war ich früher öfter. Ich ging mal da in der Nähe auf die Schule und weil in der Abraham-Lincoln-Straße meine Haltestelle stand, lungerte ich jeden Tag, meistens nachmittags, einige Zeit in der Abraham-Lincoln-Straße herum und schmiss meinen Ranzen über den Zaun oder holte mir oben bei der P/X den aktuellen TV-Guide, den es da erstens gratis gab und der zweitens Gutscheine für McDonalds enthielt. Na da war ich doch happy. Geld gespart, dachte ich. Außerdem hatte ich, der Personalcomputer war gerade erfunden worden, die Schnapsidee, dass ich eines Tages bei IBM arbeiten könnte. Aber das legte sich mit der Zeit. Neulich habe ich mir bei der Tankstelle eine Packung Eistee Kaktusfeige gekauft und ein paar Tage davor war ich bei der Hessen Agentur. Ich darf aus rechtlichen Gründen nicht verraten, was ich dort gemacht habe, aber ich möchte die Frau Frisch recht schön grüßen.

 

Die Abraham-Lincoln-Straße hat was Amerikanisches. Wie komme ich eigentlich darauf? Es liegt sicher an den Hochhäusern dort und daran, dass es ziemlich viele Firmen gibt. Diese Straße ist also ein Ort, an dem viele Probleme gelöst werden. Außerdem, ich sagte es bereits, befindet sich am Rande der Straße eine Tankstelle, die über einen hervorragend klimatisierten Verkaufsraum verfügt. Wer also keine Klimaanlage hat, kann sich dort im Sommer ein paar Stunden am Tag tummeln. Der Tankstellenpächter wird sicher hoch erfreut sein.

Doch zurück zu meiner Zeit in der Abraham-Lincoln-Straße in den early Eighties. Dort unter der Brücke saßen wir oft und rauchten Zigarette, weil, das galt damals als männlich und unheimlich stark. Alkohol tranken wir keinen, denn das galt damals zwar als unheimlich männlich und stark, aber es gab weit und breit keinen Kiosk. So blieben wir trocken und vertrockneten daraufhin. Unter der Brücke. Das war schlimm, aber das kann sich ja heute keiner mehr vorstellen.

 

Falls Sie sich nun fragen, was hat das alles mit mir zu tun, so möchte ich mit ein paar Fakten antworten. Die Abraham-Lincoln-Straße heißt nach dem eher unbekannteren der 2.766 US-Präsidenten, der von 1861 bis 1865 als 16. Präsident der Vereinigten Staaten von – aber vor allen Dingen in – Amerika herrschte wie kein zweiter. Leider verlor am Abend des Karfreitags 1865 die Beherrschung.
Die nach ihm benannte Straße führt am Rande von Wiesbaden von Dings nach Bums und ist einseitig bebaut. Stadteinwärts rechter Hand stehen die ganzen Wolkenkratzer und links steht Gebüsch und die Berliner Straße. So braucht der Briefträger nicht zweimal oder im Zickzack die Straße zu bearbeiten. Er hat dann früher frei und kann sich zu Hause ein paar Turtles grillen oder aufs Weinfest gehen. Das Weinfest verachte ich übrigens zutiefst. Man soll jetzt nicht denken, dass ich ein Griesgram bin, aber ein Funmisantrop bin ich schon. Ja, das bin ich. Dennoch oder gerade deswegen erfreue ich mich an diesem niedlichen VW-Käfer auf der Seite zuvor und finde auch ich, dass die das Bild da rechts neben diesem Text, den ich gerade so vorzüglich in den Computer hineintippe, dass es auf diesem Bild aussieht wie im Amerika meiner Träume. Der Himmel, die Lampen, die exakt drei Autos, die Tankstelle, einfach alles erinnert an Amerika und da ist es auch nicht verwunderlich, dass sich in dieser geradezu kalifornisch anmutenden Prachtstraße die Créme de la Créme der hiesigen Finanzdienstleistung angesiedelt hat. Man wird schon wissen warum.

 

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