Grunzelsbörnchen von @Durst

Aufgrund von Harmoniesucht und falschem Verständnis von Wahrheit von Seiten des 63,75-Herausgebers Huck Haas, ist in eben diesem Buch 63,75 statt eines dokumentarischen Berichtes des Investikativ-Journalisten Detlef D. Durst ein Skype-Dialog abgedruckt worden. Für den “wahren” Text mit der lähmenden Wahrheit war deshalb kein Platz mehr. Darum musste das Internet wieder herhalten. Lesen Sie hier also den mehrfach (noch nicht) preisgekrönten Dokumentarbericht über die Zustände am sozialen Brennpunkt Grunzelsbörnchen in den gar nicht so idyllischen Weinbergen am Rande der Stadt Wiesbaden.

GRUNZELSBÖRNCHEN

Beinahe zum Erbrechen idyllisch gelegen – in die Wiesbadener Weinberge eingebettet und von märchenhaften Weiden stimmungsvoll umrahmt – verschläft das hier portraitierte Grunzelsbörnchen die Jahrhunderte. Wie der Name schon impliziert, handelt es sich um einen kleinen Brunnen. Um eine der lebenserhaltenden und durststillenden Quellen also, die der Mensch, sobald irgendwo unverhofft Getränk aus der staubigen Erdkruste pluckert, seit jeher flugs mit Befestigungsbauten umringt um den Bachverlauf in neue Bahnen zu zwängen, die das Wunder konservieren sollen. Wenngleich historisch nicht mehr einwandfrei belegbar, wird vermutet, dass der Born den ersten Bürgern <i>Wisibadas</i> bereits seit dem Mittelalter gleichermaßen als Trinkwasserquelle, Wasch- und auch Taufstätte diente. In den folgenden Jahrhunderten verlor der Brunnen aufgrund der Erschließung weiterer Wasserläufe allmählich an Bedeutung und wurde nach und nach zurückgebaut. Jedoch versiegte die eigentliche Quelle nie, und so sind uns noch heute, nicht zuletzt dank der Fürsorge der von umsichtigen Wiesbadenern ins Leben gerufenen <i>Stiftung zur Restaurierung des Grunzelsbörnchens e.V.</i> die Grundmauern – samt behutsam modernisiertem Pumpwerk – erhalten geblieben. In seiner heutigen Form stellt sich uns das Grunzelsbörnchen als eine in Würde verwitterte und liebevoll wieder in Stand gesetzte Steinmauer dar, aus der ein gusseisernes Wasserrohr ragt. Auf dem Scheitel des Mauerwerks thront ein marmornes Kreuz, das vom Prälat der Stadt gestiftet wurde und an dem einer jener Jesen seinen Platz gefunden hat, denen es beliebt, sich mit wohlig ausgestreckten Armen in der Sonne zu räkeln und die Szenerie vor ihnen mit Güte zu beschauen. Zu Fuße des Herrn und Erlösers befindet sich eine imposante, ebenfalls marmorne Tafel, die in erhabenen Goldlettern einen Spruch zur Zierde trägt. Doch halt: Nur zur Zierde?

“WER VON DEM WASSER TRINKT, DAS ICH IHM GEBE, DEN WIRD EWIGLICH NICHT DÜRSTEN”, werden wir dort in ehrfurchtgebietenden Majuskeln eindringlich vor dem Genuss des Brunnenwassers gewarnt. Freilich, man hätte ein “Kein Trinkwasser!” Hinweisschild am Marmor anbringen können, doch Wiesbaden kann sich die schmucke Darbietung leisten und die Worte, schöngeistig geschliffen, einem prächtigen Bronzejesus in den Mund legen. Außerdem hat es die Warnung tatsächlich in sich und verdient alle aufmerksamkeitsfördernden Mittel, um sie dem Besucher des Brunnenplatzes unübersehbar vor Augen zu führen: Wer sie missachtet und keck am kargen Rinnsal schlürft, das sich trügerisch harmlos gluckernd in einen bemoosten Abfluss ergießt, dem wird, sofern kein Notarzt zugegen, schnell gewahr, wie wörtlich und jenseits gerichtet dieses “EWIGLICH” der eben zitierten Ermahnung gemeint ist. Denn das Wasser des Grunzelsbörnchens ist nicht nur ungenießbar – es ist giftig! Zu viele Taufen öliger Kindesköpfe fanden hier über die Jahrhunderte statt. Zu viele Wanderer haben ihre geschundenen, aber auch käsigen Füßlein daran gekühlt. Und nicht zuletzt haben zu viele betrunkene Heimkehrer des Wiesbadener Weinfestes Jahr um Jahr dort in höchster Not ihr Wasser gelassen und damit nachhaltig zur Verunreinigung des Brunnens beigetragen.

Daran kann nun auch der Herr Jesus nichts mehr ändern, der uns, mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet, nun gar nicht mehr so unbedarft sonnenbadend erscheint, sondern sich wohl eher im Grübeln den Kopf kratzen würde, wenn ihm nicht sozusagen die Hände gebunden wären. Was tun mit einer derart vergifteten Örtlichkeit? Den einst so belebten und gern besuchten Brunnenquell meiden und zu einem düsteren Mahnmal wider der Umweltverschmutzung verkommen lassen? Das schöne Grunzelsbörnchen gar aufgeben und endgültig abreißen?

Nicht mit den Wiesbadenern! Denn dieses ideenreiche Völkchen wusste sich zu helfen und nutzt stattdessen seit einigen Jahren das ätzende Wasser des Grunzelsbörnchens ganz pragmatisch zur sonntäglichen Autowäsche. Plopp – rasch einen Schlauch an das Brunnenrohr gepfropft, und schon ist mit etwas Daumenpressur auf die Schlauchöffnung genug Druck hergestellt, um eine majestätische Fontäne auf das zuvor am Platz geparkte Auto niederprasseln zu lassen. Und das auch noch gratis! Heute nutzen diese “spritzige” Gelegenheit passionierte Fahrzeugpfleger aus Nah und Fern, denn längst hat sich bis über die Ortsgrenzen hinaus herumgesprochen, dass kein Wässerchen als das des Wiesbadener Grunzelsbörnchens sich besser eignet, um Taubendreck, Käferschiss und alle anderen hartnäckigen Verschmutzungen vom edlen Lack der Karossen zu kriegen. Ausserdem verleiht der hohe Ammoniakanteil, für den die flüssigen Hinterlassenschaften der Wildpinkler verantwortlich zeichnen, dem Wasser hervorragende Politureigenschaften. Und so sieht man ganze Brigaden golduhrbestückter Rentner am Grunzelsbörnchen an ihren SUVs, Bentleys und Merceden rubbeln. Aber auch Führerscheinfrischlinge und ähnlich junge Autofahrer tummeln sich am Brunnen, den Vorplatz gleichsam als Paradeplatz nutzend, auf dem sie in nicht enden wollenden Schaurunden stolz ihre frisch gewienerten Fahrzeuge dem schöneren Geschlecht präsentieren. Und auf einmal ist es, als könnten wir den Messias dort an seinem Marmorkreuz mit einem belustigten Kopfschütteln das bunte Treiben beäugen sehen, nicht ohne einen Funken Stolz darüber, wie die Wiesbadener dem neuzeitlichen Grunzelsbörnchen nach seiner Kontamination neuen Sinn eingehaucht haben. Tatsächlich herrscht Grund zur Freude: Wie anno dazumal dient das revitalisierte Brünnchen nun also endlich wieder als sozialer Austauschspunkt, mehr noch, als Dorfplatzersatz für eine moderne Gesellschaft, die ihre Mitte längst an das seelenlose digitale Zeitalter verloren geglaubt haben musste. Auch als Treffpunkt der Generationen kann der wiederbelebte Ort betrachtet werden, als sozialer Kitt und Vermittler zwischen Jung und Alt – vereint in ihrer erfreulich frommen Absicht, gemeinschaftlich und unter dem gütigen Blick von Gottes Sohn ihren Automobilen ihre Pflegedienste angedeihen zu lassen.

Denn so kennt man sie, die Wiesbadener: Unerschütterlich, traditionsbewusst und auch ein kleines bisschen spießig – ganz wie das Grunzelsbörnchen selbst.