Ulica Kubusia Puchatka in Warschau

 

Während auf der ganzen Welt ganzen Welt Straßen nach Erfindern, Kriegern, Politikern und Aufständischen benannt werden, haben die Polen einen ganz anderen Helden gefunden. So will es das Schicksal, dass in meiner Heimatstadt Warschau eine nach dem Bären Winnie Pooh benannte Straße existiert. Das Heldentum des Bären ist dabei kein Übertreibung, denn die Verehrung des Kinderbuchs, aus dem das kleine Honigmäulchen stammt, gleicht durchaus der Glorifizierung von Märtyrern und Kriegsveteranen in anderen Teilen der Welt. Dabei hat Pooh auf den ersten Blick überhaupt nichts mit Polen zu tun. Die Zeichentrickfilme von Disney gibt es, meines Wissens nach, beispielsweise überhaupt nicht mit polnischer Synchronisation. Und geschrieben wurde das Kinderbuch von Alan Alexander Milne – einem Briten. Beim Geschriebenen sind wir aber schon nahe am Urpsrung des Bärenruhms. Kubus Puchatek, so heißt Winnie the Pooh im Polnischen, wurde in meinem Heimatland durch die nun legendäre Übersetzungsarbeit von Irena Tuwim zu einem wahrlichen Sternlein am slawischen Heldenhimmel. Durch die Übersetzung Tuwims erhält der Bär in der polnischen Version des Buches einen noch ironisch-naiveren Charakter, mehr Charakter, was Leser unterschiedlicher Sprachvarianten dazu brachte zu behaupten, die polnische Übersetzung sei sogar besser als das Original. Wer von Dr. Erika Fuchs gehört hat, wird einen ähnlichen Fall kennen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man um den Bären, selbst als Ausgewanderter, nicht herum kommt. Die mir im Rondo vorgetragenen Bücher bildeten die Grundlage für viele Träume meiner frühen Kindheit und der Moment, in dem ich meine erste Winnie Pooh Plüschfigur (die ich bis heute besitze) geschenkt bekam, wird wohl für immer die Grundlage für den schönsten Tag meines Lebens bilden. Wo es Begeisterung für eine Sache gibt, dort gibt es auch Kontroversen. So kann es im Fall Winnie the Pooh nicht anders sein. Der größte Steitpunkt, in dessen Mittelpunkt jene heroische Bärenfigur stand, war das Geschlecht des Bären. Denn der Name, so der Autor des Originals, stammt ursprünglich von einer Bärin »Winnipeg«, die der Sohn Milnes zu besuchen pflegte. Folglich führte es zu Irritationen, dass der Bär als »Mann« behandelt und benannt wurde, obwohl dessen Ursprung in weiblicher war. Viele wissenschaftliche Abhandlungen später war es dann aber einfach egal und alle erfreuten sich an den schönen Geschichten und hielten sich weniger am Namen auf. Und dann stand ich eines Tages, beim allepaarjährlichem Verwandtenbesuch in der Heimat, in der Winni Pooh Straße in der Innenstadt Warschaus, nicht weit von der teuren Einkaufsmeile »Nowy Swiat« (Neue Welt). Und die Erwartungen sind nach all den Jahren, in denen man die Straße nie zu Gesicht bekommen hat, natürlich riesig. Mindestens eine 20 Meter hohe Statue des Bären samt Honig an den Pfoten habe ich erwartet, einen überdimensionierten Bärenkäfig und Laserlightshows vielleicht. Zu meinem Leidwesen ist ein Gedenkschild, bisschen Graffiti und ein zur Mittagszeit mäßig besuchtes Szenecafé die Höhe der Gefühle. Aber man spürt sie, wenn man durch die Straße läuft, die Ehrfurcht vor der sympathischsten Figur in der Geschichte der Heldenverehrung. Die Erinnerungen an eine Kindheit, die diese Figur nur verschönern und mit Fröhlichkeit prägen konnte. Dafür braucht es keine Statuen, Gedenkzüge, nicht einmal die Tafel. Nur den erquickend blauen Himmel, den uns der Bärengott an diesem Tag geschenkt hat.

 

 

 

 

 



One Comment

  1. [...] Pole bleibt mir eigentlich gar nichts anderes übrig, als Winnie Puuh toll zu finden. Warum steht hier. Und eigentlich dachte ich immer, dass die Disney-Version alles andere als geistreich und gut [...]